Sanft blühen Christrosen

helleborus niger„Zart blühen Christrosen“ (Jesaja 11, 1-9)

Gemeindepredigt zum Christfest 2012

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

Liebe Schwestern und Brüder,

die Hirnforschung hat herausgefunden, dass Menschen in jedem Lebensalter lernfähig sind. Wer sich je Gedanken darüber gemacht hat, wie sich Jesus wohl als pubertierender verhalten habe, wird eines Besseren belehrt. Die alten Entwicklungsstufen, anale und die ödipale Phase werden als Konstrukte einer zwanghaften bürgerlichen Gesellschaft entlarvt, und – was mir als 55jährigem ganz besonders gefällt – auch im Alter kannst du noch Sprachen lernen und das Klavierspielen beginnen; du musst nur die nötige Zeit und Geduld aufbringen, um die Trägheit eines ungeübten Hirns zu überwinden. Aber wenn das Gehirn einmal wieder in Schwung gekommen ist, dann ist es aktiv wie in Kindertagen.

Lernen ist jederzeit möglich. Und Weisheit ist nicht auf das Alter begrenzt. Wer sich wundert über altkluge Kinder, hat jetzt den Beweis: auch die kleinsten können schon komplexe Zusammenhänge begreifen; wenn man ihnen genug Zeit dazu gibt und sie von anderen Aufgaben entlastet. Und ein fünfjähriger Pianist muss kein Wunderkind sein; möglicherweise wurde er einfach richtig an die Tasten herangeführt.

Allerdings: In der ersten zwei Lebensjahren schon von Klugheit und von Sprachwitz zu sprechen, wäre übertrieben: Die Hirnleistung ist zwar von Anfang an vorhanden; ja sie wird in den ersten zwei Lebensjahren über Gebühr beansprucht. Aber sie wird erst einmal zum Spracherwerb und zur Aneignung der wichtigsten Grundfunktionen genutzt. Weisheit und Lebenserfahrung stellen sich erst mit den Jahren ein; was vor dem 10ten Lebensjahr geschieht, ist meist mehr eine Kopie des Erwachsenenwissens. Und richtig selbständig und verantwortungsbewusst wird man erst kurz vor Dreißig.

II

Dass dem Kind in der Krippe Weisheit zugeschrieben wird, ist also Utopie. Umso schöner ist die Vorstellung, dass mit Jesus das Undenkbare Wirklichkeit wird. Und der Evangelist Lukas hat es ja auch nachempfunden, als er die Geschichte vom Zwölfjährigen Jesus niederschrieb. Dieser Knabe verblüfft mit seinen entwaffnenden Antworten nicht nur die Schriftgelehrten, sondern vor allem auch seine Mutter. Das Kind mit seinen schlichten Gedanken, das unverbildete Argument, das ist die Sanftheit, die uns überzeugt.

Dass Erkenntnis und Weisheit und Verstand, und vor allem eine ausgebildete, erwachsene Gottesfurcht mit dem Charakter und dem Auftreten eines kleinen Kindes verknüpft sind, verdanken wir der utopischen Kraft des Evangeliums, die sich schon in den alten Büchern der Weisheit und der Prophetie findet, mit der Bergpredigt Jesu aber keineswegs zu Ende ist – im Gegenteil: wahre Lebensweisheit findet sich dort, wo der Mensch sich die kindliche Einfalt bewahrt, ohne einfältig zu werden. „auf ihm wird ruhen Gottes Wohlgefallen“ – damit ist der Urtyp des kindlichen, der Mensch gemeint, der klar reden, spontan reagieren kann, ohne sich zu verbiegen. Wie Kinder eben manchmal sind.

Da gibt es kein „das sagt man nicht“, keine falsche Rücksichtnahme, kein Verklausulieren. Der kleine Prinz, der glückliche Jüngling, der Prototyp des einfach strukturierenden und doch umsichtigen Menschen ist Jesus. Deshalb muss er als Kind geboren werden: Um den Menschen, um uns zu zeigen: Was du als Kind gelernt hat, was dir von klein auf ans Herz gelegt war, all die Gefühle von Recht und Gerechtigkeit, von Lebenslust und Liebe, wurden nicht umsonst in dir gehegt. Sie waren phasenweise überlagert: Lernblockaden, Überlastung vielleicht, oder die Blindheit durch überbordende Gefühle mögen dir im Lauf des Lebens den Blick verstellt haben für das was einfach, schlicht und richtig ist. Aber nach all den Erfahrungen der Jugend und des Erwachsenwerdens kommt Jesus wieder zum einfachen Gedanken zurück. Und mit ihm die Weihnachtsgeschichte: Zart wie ein Zweiglein, schön wie ein Röslein und klar wie eine Quelle sind die Worte und Gedanken, die er uns mitteilt und mit denen er damals schon Menschen anspricht.

Treue und Gerechtigkeit sind die beiden Kardinal-Tugenden der Weihnachtsgeschichte. Und die dritte im Bunde heißt Gottesfurcht; aber darüber lässt sich weidlich diskutieren, steckt doch in diesem Wörtlein ihr genaues Gegenstück – zumindest wortgeschichtlich: Wer Gottesfurcht mit Angst verwechselt, der hat sie nicht begriffen. Und wer Gerechtigkeit einfordert mit Drohgebärden, wer gar Treue mit Prügeln herbeiführen will – oder auch nur mit sanfteren Strafen, der hat das Gegenteil des christlichen Glaubens gepflegt – was in der Tat nicht selten in der Geschichte der christlichen Kirche geschah.

III

Sanft blühen Christrosen. Gerechtigkeit hat den Charakter eines Keimes, der zur Unzeit ausbricht. Wie die Christrose, die nicht erst im Februar, sondern schon im Winter blüht: Ein Zeichen für Gottes Gegenwart, auch zu widrigen Zeiten.

Wenn Sie ein wenig geübt sind im biblischen Sprachgebrauch, merken Sie, dass Gerechtigkeit bei Gott immer erst in zweiter Linie meint, das jeder Mensch gleich behandelt, die Güter gerecht verteilt sind. Gewiss, wir können auf diesen Maßstab nicht ganz verzichten; aber rein mathematisch, nach Zahlen gesehen ist Gerechtigkeit immer mit Aufrechnen verbunden und mit Rechthaberei. Hast du Kinder, dann kennst du genau dieses: Da gibt es den einen, der braucht mehr Zeit, um sich zu entfalten. Während andere ihre Doktorarbeit in zwölf Monaten hinlegen, hat dieses eine Goldkind entdeckt, dass in der Gartenpflege ihre Gabe liegt. Oder in der Sorge für alte Menschen. Da entwickeln sich zuerst einmal Sorgfalt und Liebe, und erst allmählich reift Verstand und Intellekt. Wer Kinder erzieht, kennt diese Unterschiede: Dass Gott nicht nur rechnet, sondern einfach da ist: Zeit und Gegenwart schenkt.

Der Reformator Martin Luther hat darin Erlösung gefunden: Gott schenkt mir seine Gerechtigkeit. Gott fordert nicht.

IV

Sanft blühen Christrosen. Treue hat den Charakter eines Sprösslings, der am absterbenden Baume sprießt. Wenn ich aus dem Gartenfenster schaue, im zweiten Stock zum Küchenfenster hinaus, dann steht dort ein völlig verknorzter Kirschenbaum, dessen Früchte ich seit Jahren nicht geerntet habe, weil er so störrig ist. Sein Holz ist so hart, dass man nur mit großer Gefahr hinein klettern kann. Schon vor zehn Jahren sollte er ersetzt werden. Es steht ein zweiter, junger Baum daneben. Letzten Winter hab ich begonnen, in zu stutzen und den oberen Baumstamm abzusägen: Mit der Handsäge. Es war mir zu schwer. Ich hab aufgehört. Der Baum ist zu zwei Dritteln durchgesägt, und trotzdem sprießt er wieder. Der Saft hört nicht auf. Die Lebenskraft bleibt. Und die Jungen Äste sind frisch und hell. Ich wird ihn trotzdem fällen. Aber das Bild steht mir vor Augen: da ist ein Leben drin, das bleibt.

Nun sind wir Menschen keine Bäume. Unser Leben währt keine 250, allenfalls zweimal fünfzig Jahre. Und selbst da keimen keine neuen Arme. Der Sportsgeist erlischt, die Kraft wird durch Krankheit gedämpft. Aber mancher hat erst im Alter zu seiner wahren Bestimmung gefunden. Und erst durch Einschnitte und Wunden entwickelt sich wahre Schönheit. Nicht darin liegt die Treue zum Leben, dass du krampfhaft an deinen Lebensträumen festhältst, sondern dass du immer wieder Anschluss an deine Wurzeln findest.

V

Sanft blühen Christrosen. Die Lebenskraft hat den Charakter eines Elixiers, wie es die alten Druiden gebraut haben: Es schmeckt oft seltsam, aber es verleiht Kraft. Die Zutaten sind bitter, aber es heilt und hilft.

Christrosen sind für Mensch und Tier giftig. Isst du ihre Blätter, kann es dir ans Herz gehen; ist du die Knolle kann es dir das Leben kosten. Drum heisst es in alten Kräuterbüchern über das Christrosenelixier: „Drei Tropfen machen rot, zehn Tropfen machen tot.“ Dosiert hat man sie gegen Melancholie verwendet, aber auch gegen Gelbsucht, Ischias und Gicht.

Kenner wissen sie zu dosieren. Was Gott betrifft, braucht es hohe Kunst, um den Wahn zu meiden und Angst in Weisheit umzuleiten. Wir wissen, dass kleine Kinder auf Schmerz reagieren. Wir selbst verhalten uns so, dass Liebe gemehrt und Streit vermieden wird. Wir lieben den Frieden mehr als Stress und Panik. Richtig dosiert aber hilft die Sorge zum Sorgen, der Bammel zum Bestehen der Prüfung.

Die Angst vor Menschen ist Sünde. Der rechte Umgang mit Gott hingegen befreit vor der Menschenfurcht. Gottesfurcht ist ein Elixier, das recht dosiert werden muss.

Σ

So entstehen schöne Menschen. Manchmal ergibt sich’s: auch äußerlich schön. Aber was wirklich zählt, ist der Traum, ist dieser immer neue Ansinnen, das den Lehrern Mut zum Unterrichten, den Jungen kraft zum Kinderkriegen gibt: Dass ich einem Menschen zutraue, dass er sich zum Guten entwickelt. Und letztlich schöpft daraus ein König, und auch ein Minister den Mut zum Regieren: Dass ich selbst das Vertrauen entwickle – und, im Ernst, es entwickelt sich nicht aus mir selbst; es braucht stets ein großes Gottvertrauen, um einen Menschen zu seiner wahren Bestimmung zu führen. Nur: Die Alternative wäre schrecklich. Wenn wir resignieren und hässlich zueinander sind.

Aus Gottesgerechtigkeit hingegen wächst ein fröhliches Gesicht: Ein Mensch hat zu seiner Bestimmung gefunden. Und der Anschluss an die Seelenquelle verleiht auch in Schwachheit neue Kraft. Den Mut zum Leben aber verleiht das aufrechte Denken. Das hat den Proheten Jesaja ausgezeichnet, das hat einen Martin Luther und Martin Luther King geprägt: Gottesfurcht lässt dich nicht vor Menschen zittern. Sie hilft zum heilsamen Trotz.

Wenn Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Wenn Löwenkinder und junge Rinder miteinander spielen, Kühe und Bären werden zusammen weiden, wenn Säugling angstfrei mit Schlangen spielen, ist das überwunden, was man gemeinhin Sünde nennt. Erkenntnis hat sich durchgesetzt. Gegen alle destruktive Erfahrung: Nicht der Weise ist König, sondern Weisheit regiert. Amen.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Theologie

2 Antworten zu “Sanft blühen Christrosen

  1. Und da wir heute wissen, dass es weder Lukas noch Matthäus oder den vielfältigen und zerstrittenen anfänglichen Denkbewegungen, die sich auf Jesus beriefen, um den ging, der heute als historisch gilt und als Gott gepredigt wird, sondern das lebendige Wort, die damals phil. diskutierte und heute wissenschaftlich zu definierende Vernunft in kulturvernünftiger Gestalt. Daher wissen wir, dass bereits in der Krippe Weisheit war, kein uneheliches Kind, das als Halbstrarker später im Tempel diskutierte… auf wundersame Weise… Vielmehr ist die jungfräuliche Geburt in Bethlehem zu begreifen:
    Selbst der Papst hat bei seiner Bundestagsrede die schöpferische Vernunft (die er sonst als Wesen des chr. Glaubens, Weiterdenken antiker Phil. bezeichnet) und jetzt in ökologischer Welterkärung zu bedenken gab (leider nur als Rechts- nicht als chr. Religionsgrund) diese nicht nur mit der Stoa in Verbindung gebracht, sondern dem Hörenden Herzen Salomos. Ja, das Verständnis der Vernunft ist nicht in Athen geboren. Die Vernünftigkeit allen Werdens, war König der Juden, d.h. hat in Bethlehem begonnen.

    Nur schade, dass heute nur ein Heilsprediger als historischer Jesus gilt und in Sonntagspredigten als eine Art Gott hingestellt bzw. viel über menschlichen Gottesbilder gesprochen wird. Da muss der Verstand und zeitgemäße Ausdruck des schöpferischen Wortes bzw. eines kulturgemäßen Vernunftsinnes, der mündig-aufgeklärte Menschen von Morgen (Christen als Jesus in der Krippe) in gemeinsame Verant-wort-ung nimmt, noch warten.

    • nun ja: den Zwölfjährigen jesus als Halbstarken zu bezeichen, ist wohl etwas seltsam: Halbstarke sind ein Phänomen des 20ten Jahrhunderts, oder!?
      Viele spannende Gedanken; nur fürchte ich, dass mit dieser Anerkennung von Historischem irgendwie mal wieder das Christkind mit dem Taufbad der Vernunft ausgeschüttet, geheimnis entzaubert und Glaube banalisiert wird…

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