Manfred Josuttis – fast eine Taufpredigt

Ein Mensch wird ins Wasser gestellt, in den Urgrund des eigenen, in den Urgrund des gesamten Lebens, er wird untergetaucht, fremde Hände umfassen seinen Kopf, eventuell werden ein paar formelhafte Worte gesprochen – dann ist er erwachsen. … das entscheidende, die Geburt des neuen, des mündigen Menschen, galt im Urchristentum nicht als Ergebnis einer inneren Arbeit. Nicht die Zähmung des Willens oder die Befreiung der Gefühle oder die Vermittlung höherer Einsicht haben das Neue bewirkt, sondern jene rituelle Aktion, die sich in Körpererfahrungen, in Körperkontakten abspielt. Einer geht ins Wasser, einer spürt eine fremde Hand über sich, einer hört ein paar geheimnisvolle Worte – und siehe, er ist durch den Tod zum Leben hinübergegangen. Das ist Fort-Schritt: Weg aus der alten, dem Tod verfallenen Welt, hin zu dem Gott des Lebens, dessen Sohn sein Blut für die Menschen vergossen hat. Wer wachsen will, muss sich trennen und sterben können. Und Mündigkeit gewinnt man in einem Akt umfassender Unterwerfung, indem man nämlich das eigene Leben, den eigenen Leib dem fremden Element, der fremden Körperlichkeit überlässt.

zu Hebräer 5, 11 bis Hebräer 6, 3

aus: M.Josuttis, Über alle Engel. Politische Predigten zum Hebräerbrief, München: Kaiser (1990), S. 57

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